Samstag, 30. November 2024

Der Snob und die Soirée

Es gibt viele Möglichkeiten eine Abendgesellschaft zu gestalten: Gespräche, Lesungen, Karten- und Gesellschaftsspiele, Thea­ter­spielen oder gemeinsames Musi­zie­ren, um die Wich­tigsten zu nennen. Im 19. Jahrhundert fanden die Abendgesellschaften den Weg aus den Königs- und Herr­scher­häusern in die bürgerliche Gesellschaft. Veranstaltet wurden sie in Privat­salons. Heute betont der Begriff vor allem das gesellschaftlich oder kulturell höhere Niveau einer abendlichen Zu­sam­men­kunft.

Ein Snob lädt selbstverständlich nur elitäre Freunde zu Abendgesellschaften ein. Er selbst kann de facto auch irgendwo eingeladen werden, aber meist wird er es vorziehen die Einladung zu snob­ben oder zumindest die Veranstaltung vorzeitig und gähnend zu verlassen. Dennoch sollte man hin und wieder eine Soirée besuchen, weil es wichtig ist, am kul­tu­rel­len Leben teilzunehmen.

Infrage kommen für einen Snob Musikabende mit mindestens semi­pro­fes­sionellen Musikern, also keine Heim­orgelspieler oder ähnliches, weiterhin Dichter­lesun­gen mit jungen, aufstrebenden Nach­wuchs­autoren, Vorträge zu gesellschaftlich relevanten Themen, aber auch renommierte Gesell­schafts­spiele, wie z.B. historisches Bridge (also nicht die moderne Version, die eher einem Turnier­sport gleicht), Piquet, Mah-Jongg oder Back­gam­mon, aber auch Klassiker wie Dame, Mühle oder Domi­no (aber kein Skat!). Von irgend­welchen kindgerechten Mo­de­spielen sollte man jedoch Ab­stand nehmen. Von Laien­theater oder Gesprächsabenden hält sich ein Snob ebenfalls fern, denn lang­wei­li­ge Laientheater und noch langweiligere Gesprächs­themen sind nicht sein Ding. Film­abende sind akzeptabel, sofern es sich um einen geschmackvollen Film oder um eine Dokumen­tation (aber nur solche ohne nachgespielte Szenen) handelt.

Die übrigen Soirée-Teilnehmer sollten nicht gerade der untersten Arbeiterklasse entspringen. Ein Mindestmaß an Niveau muss schon sein! Titulierte Akademiker, Künstler und der eine oder andere Adlige (auch viele Adlige erfüllen leider heutzutage die gesellschaftlichen Mindest­standards nicht mehr) können einer Soirée durchaus ein wenig Glanz verleihen, ebenso Angehörige des diploma­tischen Corps. Historisch betrachtet, unterschied man zum Beispiel im Habs­burger­reich Österreich-Ungarns zwischen Erster und Zwei­ter Gesellschaft. Zur Ersten Gesellschaft gehörte der Alte Adel (Hoher Adel, Uradel), zur Zweiten alle anderen die nicht zum gemeinen Volk gehörten, insbesonde­re die neu nobilitierte Bourgeoisie. Zu ihr zählten Pro­fessoren, Künstler, Offiziere, nobilitierte Wirt­schaftstreibende und hohe Beamte. Mit den Umwälzungen des ersten Weltkrieges ist die Erste Ge­sell­schaft weitgehend untergegangen. Es bleibt heutzutage also nur das, was bisher die Zweite Ge­sellschaft war. Vorsicht jedoch mit be­kannten Prominenten, denn diese bergen die Gefahr, das In­teresse der übrigen Besucher aus­schließ­lich auf sich zu ziehen. Wenn sich letztere dann auch noch als Fans entpuppen, ist der Abend prak­tisch gelaufen.

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